Leben Dicke länger?
7. Mai 2007 | Ernährung / Diät
Mit provokanten Thesen wie “Dicke Menschen leben länger” - und - “Fastfood-Esser sind nicht dicker als andere” stellt sich in einem FAZ Interview der Ernährungswissenschaftler Udo Pollmer („Lexikon der Ernährungsirrtümer“) gegen die üblichen Meinungen.
Ein Auszug:
(Frage) Aber viele Menschen wollen ihr Gewicht regulieren - durch Disziplin beim Essen. Ist das verkehrt?
(Pollmer: ) Egal ob Sie hungern, sich ständig Sorgen ums Essen machen, Süßstoffe oder Fettarmes speisen - die meisten Menschen nehmen damit nur zu. Für unseren Körper kommt das einer drohenden Hungersnot gleich. Und in weiser Voraussicht pflegt er vorzusorgen. So entsteht der Jojo-Effekt.Was steckt dahinter?
Mit den Kalorien wird das Gehirn mit Energie versorgt, Bewegung ermöglicht und die Körperwärme bereitgestellt. Wenn Nahrung knapp wird, verbessert unser Körper die Isolation: Er legt sich eine dickere Fettschicht zu und verhindert damit Wärmeverluste. Gegen diese Überlebensstrategie sind wir machtlos. Schauen Sie sich die Amerikaner an: Dort ist immer ein Drittel der Bevölkerung auf Diät, dünner sind sie deshalb nicht geworden.
Auch von der Studie, die die Deutschen zu den dicksten Europäern gekürt hat, hält Pollmer nicht viel:
Das war keine internationale Studie, das waren zwei Blätter einer Organisation, die nach Angaben des British Medical Journal von der Pharmaindustrie, den Herstellern von Appetitzüglern, gesponsert wird. Die Zahlen sind wertlos, sie stammen aus den unterschiedlichsten Quellen, sie sind nicht altersstandardisiert und wurden mit unterschiedlichen Methoden erhoben. Die “Studie” hat nicht einmal Autoren. Aber die Schlagzeilen waren aufsehenerregend.
Verbraucherschutzminister Horst Seehofer nimmt sie ernst. Er will am Mittwoch einen „Aktionsplan“ zur Fettleibigkeit vorlegen. Was erwartet uns da?
Vermutlich ein Neuaufguss von viel Bewegung, Obst und Gemüse und wenig Fett. Dabei sind die letzten 50 Jahre alle Versuche gescheitert, Menschen durch Kaloriensparen und Sport dauerhaft zu verschlanken. Im Gegenteil: Die Opfer sind meist dicker und kränker geworden.
Man darf wohl bezweifeln, - falls das überhaupt zutrifft- , ob das auch für Menschen gilt, die dauerhaft ihre Lebens- und Ernährungsgewohnheiten umgestellt haben.
Zur Lebenserwartung:
Es heißt aber, dass die Dicken eher sterben.
Das liest man ständig, die Datenlage sieht aber anders aus: Bei älteren Personen sind Fettpolster die beste Lebensversicherung, da sie im Krankheitsfalle noch etwas zuzusetzen haben. Die jüngste Metaanalyse, die alle weltweit verfügbaren Studien ausgewertet hat, bestätigte aufs Neue: Übergewichtige leben ab der Lebensmitte im Schnitt länger als Normalgewichtige. Die höchste Sterblichkeit haben nicht die Fetten, sondern die Dürren.
Mehr von den durchaus lesenswerten Thesen u.a. zu Diäten, den “Tricks der Industrie und das perfekte Design des Hamburgers” zu finden in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.05.2007, Nr. 18 / Seite 37 (evtl. noch frei im Internet, sonst gegen Bezahlung unter http://www.faz.net)
