“Schmerz spielt sich im Kopf ab”

“Das Gehirn hat keine Löschtaste.
Schmerz spielt sich im Kopf ab. Das heißt, dass wir ihn lernen können. Und, wenn es gutgeht, auch wieder vergessen.”
Unter dieser Überschrift stellt Walter Zieglgänsberger, der am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München eine Arbeitsgruppe über molekulare Veränderungen bei Lernvorgängen im Gehirn leitet in einem Interview Erkenntnisse der Schmerzforschung aus seiner Sicht dar. Hier einige Auszüge:

Wichtig ist, den Schmerz sofort zu bekämpfen, um zu vermeiden, dass er chronisch wird.

Langanhaltende oder häufig wiederkehrende Schmerzreize verändern die Reaktionsbereitschaft sowohl des peripheren als auch des zentralen Nervensystems - sie führen zu Veränderungen an den Schaltstellen zwischen Nervenzellen im Gehirn. Das bedeutet, die Kontrollstation, die dafür sorgt, dass der Schmerz wieder abklingt, wird ausgeschaltet oder überfahren. Die Schmerzsignale werden dann dauerhaft durchgelassen oder entstehen auch spontan. Dieser Schmerz fördert Angst und eine negative und hilflose Grundhaltung des Betroffenen.
..

FRAGE: Welches Geschlecht ist denn nun schmerzempfindlicher: die Männer oder die Frauen?

ANTWORT: Frauen reagieren meist empfindlicher auf Schmerzreize als Männer, besonders auf Kneifen oder Druck. Bei Tests sagen sie früher: Ich bin doch nicht blöd, das tut weh, ich hör auf.

FRAGE: Zu den bekannteren Schmerzstörungen gehört die Fibromyalgie. Was ist das für eine Krankheit?

ANTWORT: Fibromyalgie ist eine Krankheit, die sich in diffusen Schmerzen am ganzen Körper äußert und von der vor allem Frauen im mittleren Alter betroffen sind. Fibromyalgie ist ein Leiden, das lange nicht ernst genommen wurde. … Heute weiß man, dass die Fibromyalgie eng mit hormonellen Mechanismen der Schmerzsteuerung zusammenhängt. …. Diese Überreaktion hat eine neurale Entsprechung und lässt sich heute mit bildgebenden Verfahren auch sichtbar machen. Der Schmerz ist somit alles andere als bloße Einbildung.

FRAGE: Warum sind chronische Schmerzen mittlerweile so stark verbreitet?

ANTWORT: Schmerzen werden meist längere Zeit ignoriert. Man geht üblicherweise erst zum Arzt, wenn bereits eine Chronifizierung begonnen hat. Doch dann liegt das Kind schon im Brunnen. Dann kann man nur noch versuchen, den Patienten zu zeigen, wie sich der Schmerz verlernen lässt.

Früher haben wir den Fehler gemacht, dass wir den Patienten mit entsprechenden Mitteln und Maßnahmen in erster Linie entspannt haben. Richtig jedoch ist, aktiv mit dem Patienten am Überschreiben, das heißt am Vergessen, zu arbeiten. Wir bezeichnen diesen Vorgang als “Re-Learning”. … In dieser Phase müssen Schmerzmediziner, Psychologen und Physiotherapeuten eng zusammenarbeiten.
…..

FRAGE: Was halten Sie von Ärzten, die Patienten mit chronischen Schmerzen ohne erkennbare physische Ursache an den Psychiater verweisen?

ANTWORT: Sofern dies ohne weitere Erklärungen geschieht, grenzt es für mich an Körperverletzung. Man darf aber auch nicht vergessen, dass Schmerzen zu einer depressiven Störung führen können, die ein Psychiater in den Griff bekommen kann.

Wer keine Schmerzen haben will, muss lernen, mit Stress umzugehen, er muss seine innere Balance finden.

…..

Aus Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.03.2007 FAZ.NET


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